Als meine kleine Schwester verschwunden war…

Meine kleine Schwester, na ja, meine Pflegeschwester, ist schwerst behindert (zumindest steht das auf ihrem Behindertenausweis). Dabei sieht man ihr das gar nicht an, schon gar nicht auf den ersten Blick. Außer vielleicht an ihrem unbeholfenen Gang und daran, dass sie mit fünf immer noch nicht sprechen kann. Es gibt natürlich noch andere Beweise. Zum Beispiel dass sie jede Katze »Gunda« nennt (der Name unserer Katze) und jeden Hund Landy (der Name eines Hundes eines Freundes), dass sie jedesmal, wenn es klingelt zur Tür rennt und »Susi« ruft, dass man ihr jedesmal eine Sache hundertmal erklären muss, damit sie es versteht (und das auch nur für kurze Zeit) … kurz gesagt: sie ist 3 Jahre zurück geblieben. Das heißt, dass sie jetzt zwar schon fünf, im Kopf jedoch ungefähr erst zwei Jahre alt ist.

Die Sachen, die ich euch gerade eben aufgezählt habe mögen ja noch recht harmlos sein, aber das schlimmste ist ja, dass sie keine Gefahren erkennt. Ihr würdet wahrscheinlich sagen, dass alle Kinder irgendwann einmal in dieser Phase sind. Ja klar, stimmt ja auch, aber Kinder von zwei Jahren sind ja normalerweise auch nicht imstande, Haustüren zu öffnen. Meine Schwester ist zwar geistig behindert, aber keineswegs körperlich. So kam es eines Tages, dass sich folgendes ereignete:

An jenem Tag waren wir in Sennestadt, einem kleinen Ort in Bielefeld, wo wir vorher gewohnt haben, unsere »dritte Oma« besuchen. Wir saßen alle außer Emy auf der Terrasse, aßen Keks und erzählten uns Geshcichten. Wir haben nicht weeeiter darauf geachtet, dass Emy ins Haus ging und hörten auch nicht die Haustür zuschlagen. Als unsere Eltern ein Weilchen später beschlossen, es sei Zeit nach Hause zu fahren, konnten wir Emy nicht finden! Nicht im Garten, nicht im Haus. Wir suchten die Straße ab die in der Nähe lagen und den Spielplatz, der auch in der Nähe war. Ich lief wie in einem Rausch umher und rief Emys Namen, während mir Tränern übers Gesicht liefen. Die ganze Familie war auf den Beinen außer zwei von meinen drei großen Brüdern, die mit Freunden auf einer Wiese vor der Kirche Fußball spielten. Anscheinend hatten sie ihre Handys nicht mit, denn ich konnte sie niht erreichen. Wir waren schon x-mal auf dem Spielplatz gewesen, trotzdem ging mein Vater voller Hoffnung noch einmal nachschauen. Zum Glück!

In diesem Moment betrat eine Frau den Spielplatz. An ihrer Hand führte sie ein kleines Mädchen mit, das einen seltsam unbeholfenen Gang hatte. Sie hatte es nicht weit von uns entfernt an einer Bäckerei gefunden. Bestimmt war es seinen Eltern vom Spielplatz weggelaufen. Am besten brachte sie sie wohl gleich wieder dorthin zurück.

Als mein Bruder mir sagte, Papa hätte Emy wiedergefunden war ich so erleichtert, dass ich mir gar keine Gedanken mehr darüber gemacht habe, wie er sie überhaupt wiedergefunden hatte, wir waren ja schon so oft auf dem Spielplatz nachsehen gewesen.

Als mein Vater dann endlich mit dem Auto wiederkam, habe ich die Autotür aufgerissen und bin auf Emy zugestürmt. Aber Emy wollte nciht umarmt werden, sie lachte und kratzte und kneifte mir in di Haut wie sie es immer macjt, wenn sie überglücklich ist.

Wie immer war sie sich der Gefahr, in der sie sich befunden hatte, gar nicht bewusst …

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