Meine erste Begegnung mit den Besonderen Geschwistern

Mein Name ist Marie, ich bin 23 Jahre alt und Studentin der Sozialen Arbeit in Osnabrück. Ich möchte meine Bachelor-Arbeit über ein Geschwister-Thema schreiben. Vor zwei Wochen habe ich zum ersten Mal am FreitagsTREFF der »besonderen Geschwister« in Minden teilgenommen.

Nicht nur ich, sondern auch ein 14jähriges Mädchen war zum ersten Mal dabei. Zu Beginn war es sehr schwer, mit ihr in Kontakt zu kommen. Sie berichtete ganz kurz, dass ihre Schwester mit dem Down-Syndrom geboren wurde und manchmal nervt.

Mich hat sehr berührt, wie sie so nebenbei erwähnte, dass sie keine Freunde mit nach Hause bringt. Und eigentlich auch überhaupt keine Freunde in der Schule oder in der Umgebung hat, weil die mit total anderen Sachen beschäftigt sind als sie selbst.

Aber nachdem ein weiteres Mädchen angekommen war, die bereits seit Beginn des Projekts an den GeschwisterTREFFen teilnimmt, entstand ein lebhaftes Expert*innen-Gespräch: über die eigenen Geschwister, über Eltern, die manchmal keine Zeit haben, ob man den Geschwistern Grenzen aufzeigen und seine eigenen Interessen (auch) durchsetzen darf, ob die Eltern einen dabei unterstützen…

Das Mädchen, das etwas später dazu gekommen war berichtete von durchweg eher guten Erfahrungen damit, in der Schule von ihrem schwerst mehrfach behinderten Bruder zu erzählen. Und dass sie auch Schulkamerad*innen mit nach Hause bringt. Und wenn die sich nicht wohl fühlen, dass die dann für sie als Freunde gar nicht erst in Frage kommen. Weil ihr behinderter Bruder ihr viel wichtiger ist als »coole« Freunde zu haben, die die Liebe zu ihrem behinderten Geschwister nicht verstehen können — oder wollen.

Dann kamen wir auf Hobbys zu sprechen. Das neue Mädchen — ich nenne sie ab jetzt mal Julia — erzählte, dass sie mit Freunden in der ganzen Welt Comic-Geschichten zeichnet. Wir gingen an den Computer in Katharinas Büro, und Julia zeigte uns die unglaublich ausdrucksvollen Charaktere, die sie entworfen hat, und wie daraus mit anderen Zeichner*innen aus der ganzen Welt ganze Comic-Geschichten entstehen.

Außerdem waren wir live dabei, wie sie über den Chat der Webseite schnell mal einem Mädchen in Neuseeland auf Englisch erklärte, warum sie zwar online ist aber keine Zeit hat, wo sie gerade ist, was wir hier machen und wer gerade alles neben ihr steht. Sobald sie Englisch schrieb war es, als wäre sie aus einer Art »stand by-Modus« in offenen Kontakt gewechselt. Faszinierend!

Danach war das Eis gebrochen. Wir haben uns total intensiv unterhalten, ein anderes Mädchen hat sich inspirieren lassen und angefangen, Mandalas zu falten und auszumalen, und das neue Mädchen hat — nebenbei, sozusagen — einen neuen Charakter entworfen. Wir waren so vertieft, dass wir die Zeit total vergessen haben und uns beeilen mussten, damit alle rechtzeitig nach Hause zu kommen.

Ich freue mich auf die nächsten TREFFen und darauf, einen Nachmittag mit allen zu kochen. Kochen ist nämlich mein Hobby :-D

Hier noch ein paar Informationen über mich:

Meine Heimatstadt ist Göttingen, dort wohnt noch meine Familie. Ich habe zwei jüngere Geschwister, eine Schwester und einen Bruder. Die sind aber auch schon aus der Schule. Mein Bruder macht eine Ausbildung und meine Schwester studiert.

Nach meinem Abitur habe ich in Hamburg ein FSJ (freiwilliges soziales Jahr) in einer Schule und einem Heim für Kinder und Jugendliche mit Behinderungen gemacht. Das hat mir so gut gefallen, dass ich mich für das Studium der Sozialen Arbeit entschieden habe.

Zu dem Geschwisterprojekt der Lebenshilfe Minden bin ich gekommen, da ich im 6. Semester ein wissenschaftliches Praxisprojekt durchführen muss, worauf dann meine Bachelorarbeit basiert.

Als Thema habe ich mich dafür entschieden, mich mit den Erfahrungen von Erwachsenen, aber auch von Kindern und Jugendlichen zu beschäftigen, deren Geschwister eine Behinderung oder chronische Erkrankung haben.

Das war der Anlass, an den Geschwistertreffen teil zu nehmen. Ich möchte gerne Kinder und Jugendliche, die zum Geschwistertreff kommen interviewen. Dabei interessiert mich ihre Lebensgeschichten: Was stellen sie sich für die Zukunft vor, welche Rolle spielt das Geschwisterkind mit einer Behinderung oder chronischen Erkrankung dabei? Wie soll das Thema in der Schule bearbeitet werden, so dass es normal für alle ist, wenn jemand ein »besonderes« Geschwister hat — und dadurch »besonderes Geschwister« ist.

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