anno2030 — ZukunftsWerkstatt für besondere Geschwister

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Für einen Tag verwandelte sich das altehrwürdige Mindener Hansehaus in eine Zukunftslabor. 12 junge Menschen zwischen 7 und 19 Jahren haben sich einen Tag lang mit der Frage beschäftigt: »Wie sieht für Dich eine gute Welt von morgen aus?« Das Besondere an diesen jungen Menschen: Sie sind besonderen Geschwister, denn sie haben einen Bruder oder eine Schwester mit einer Behinderung oder mit einer lebensbedrohlichen oder chronischen Krankheit.

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Immer mit dabei: Anno, die kleine Ameise*. Ameisen sind das beste Beispiel für »Was einer nicht schafft, schaffen viele.« Ameisen können das Mehrfache ihres Körpergewichts tragen. Und auch Geschwisterkinder tragen früher als die meisten ihrer Altersgenossen Verantwortung. Aber von den Ameisen kann man auch lernen, dass man sich nicht zuviel aufladen darf.
* Anno ist die kleine Leitfigur der 2014 gestarteten und auf 25 Jahre angelegten Mindener ZukunftsWerkstatt »anno2039«. Wer in die Bilder der Kinder hineinzoomt,kann in jedem Bild irgendwo eine kleine Ameise versteckt finden ;-) .

Die erste Aufgabe bestand für die Geschwister darin aufzuschreiben, was ihre größte Befürchtung für die Zukunft ist. Denn Sorgen sind wie eine schmutzige Windschutzscheibe: man sieht nicht gut durch sie hindurch. Und sich klar zu machen, was wir befürchten »klärt« auch den Blick auf Lösungen und Möglichkeiten.

Anschließend haben alle Teilnehmer·innen angefangen zu malen, was ihre persönlichen Ziele für die Welt sind. Um zu merken, dass wir mit unseren Wünschen und Sehnsüchten nicht alleine sind, sahen uns einen kleinen Film an, in dem zwei Kinder sich über die 17 Weltziele unterhalten, zu denen sich alle in der Weltgemeinschaft UNO vertretenen Länder — das sind fast alle Länder der Welt — 2015 verpflichtet haben. Und da sie vereinbart haben, dass all diese Ziele bis zum Jahr 2030 erfüllt sein sollen, heißt der Plan für diese Welt-Entwicklungsziele »Agenda2030«.

2024_Natur in Frieden!_KdGWir haben eine lange rote Linie als time line durch den Raum gelegt mit allen Jahreszahlen zwischen 2017 und 2030 daran. Wenn ein·e Teilnehmer·in ihr Bild fertig hatte ging sie — oder er — an der time line entlang und stellte sich vor, wie alt sie oder er in dem jeweiligen Jahr sein wird und was in dem Jahr passieren könnte: Schulwechsel, Konfirmation, Beginn von Ausbildung oder Studium … und wie alt sie 2030 sind. Und dann legten sie ihr Bild zu dem Jahr, in dem das, worum es auf dem Bild geht, Wirklichkeit geworden sein soll.

Die ganze time line kann man hier anschauen …

2028_das Einhorn ist wieder da_CBNach dem Mittagessen haben dann alle über ihre Bilder, von ihren Wünschen und Zielen für sich selbst und die Welt erzählt. Celina, deren Anliegen am längsten brauchen wird, ist sicher: 2028 ist auf der ganzen Welt das Wasser wieder kristallklar. »Und dann kommen auch die Einhörner zurück!«

Einem der Kinder fiel auf, dass auf keinem Bild das Thema Behinderung oder Krankheit eine Rolle spielt. Ein gutes Zeichen eigentlich, denn Geschwister sind ja — wie alle jungen Menschen — erstmal die Hauptperson in ihrer eigenen Lebensgeschichte. Auch wenn im Alltag die Bedürfnisse und Herausforderungen im Zusammenhang mit den Beeinträchtigungen ihrer Geschwister einen großen Platz einnehmen.

Damit ein Anliegen, so wie es in den Bildern dargestellt ist, Wirklichkeit werden kann muss es in ein Projekt verwandelt werden. Das war allen klar. Ein Projekt und eine Entscheidung, was der erste Schritt sein muss.

PG1_So-nicht!_zkNachdem also alle ihre Bilder vorgestellt hatten, wurden drei Arbeitsgruppe gebildet und überlegt, wie diese Ziele in Wirklichkeit verwandelt werden können. Jetzt sollte auch eine Rolle spielen, dass Menschen mit Behinderungen und Beeinträchtigungen einen ganz normalen, selbstverständlichen Platz in dieser guten Welt von Morgen haben sollen. Denn erst dann ist die Welt auch für ihre besonderen Geschwister — also für die Teilnehmer in der ZukunftsWerkstatt — in Ordnung.

image»So nicht! Das ist gemein!« lautete für die erste Gruppe der entscheidende erste Schritt. In der Welt von Morgen, in der sie gerne leben möchten, ist kein Platz mehr für diskriminierende, abwertende Bemerkungen über Menschen, die anders aussehen oder sich anders benehmen.

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Die zweite Gruppe entschied, dass Menschen mit Behinderungen einen viel selbstverständlicheren Platz in der Öffentlichkeit haben werden. In ihrer Welt von Morgen sitzt die Wetterfrau oder der Show-Moderator im Rollstuhl. Menschen mit Behinderungen kommen in Filmen auch dann vor, wenn sie keine besondere Rolle spielen, einfach so, zum Beispiel als Familienmitglieder in Serien, so wie manche Menschen Locken haben und andere keine. Außerdem fand diese Gruppe es sehr gut, dass über die Lebenshilfe Arbeit Menschen Arbeits- und Ausbildungsplätze in ganz normalen Betrieben und Geschäften haben.

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Das wird in ihrer Welt die Regel sein. Menschen mit Orientierungsproblemen werden einen Chip haben, der an bestimmten Punkten wie z.B. an einer Straße einen Alarm auslöst, so dass andere Verkehrsteilnehmer — die natürlich Bescheid wissen — sie an die Hand nehmen und sicher über die Straße bringen können.

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Die dritte Gruppe hat sich einen Plan für eine inklusive Innenstadt ausgedacht: Menschen in einer Altentagestätte machen eine Fortbildung, um auf Menschen in Rollies mit Mehrfachbehinderungen gut aufpassen zu können, während deren Bezugspersonen in Ruhe einkaufen gehen. In dem Zentrum gibt es auch eine Kindertagesstätte, die alten Menschen können den Kindern vorlesen, ihnen bei den Hausaufgaben helfen, und weil es alle — Kinder, alte Menschen und Menschen mit Behinderungen —  glücklich macht, Tiere um sich zu haben, gibt es auch einen Streichelzoo. Außerdem gibt es einen Gemüse- und Obstgarten, die Alten zeigen den Jungen wie man gärtnert und sie kochen auch das Essen gemeinsam, die alten Menschen und die Kindergartenkinder. Nachmittags können alle zusammen Marmelade kochen, Plätzchen backen, ins nahe, senioren- und rolligerechte Schwimmbad gehen. Die alten Menschen können sich dann am Rollstuhl festhalten statt am Rollator. »So haben die alten Menschen auch wieder einen Sinn im Leben.« Gut gesprochen!

KaffeePause

Unsere beiden Versorgungsfeeen Karin und Regina hatten zur Kaffeezeit wieder für einen schön gedeckten Tisch gesorgt, Höhepunkt waren natürlich die selbstgebackenen Plätzchen von Regina! In einer kleinen Infoeinheit an der Tafel erfuhren die Kinder während der Pause, dass ihre Anliegen und Wünsche für ein gleichberechtigtes und selbständiges Leben ihrer Geschwister einen großen Stellenwert hat, nicht nur bei der Lebenshilfe e.V. oder dem Behindertenbeirat und dem Bürgermeister unserer Stadt, sondern auch bei der Bundesregierung und sogar bis ganz hinauf zur UNO in New York. Denn niemand soll wegen einer persönlichen Eigenschaft benachteiligt oder zurückgelassen werden. Dafür gibt es — wie weiter oben schon gesagt — die Agenda 2030.

Sehr geehrte Grau Angela Merkel ...

Sehr geehrte Frau Angela Merkel …

Zum Schluss entstanden zwei Entwürfe, die die Teilnehmer_innen so oder so ähnlich auf Postkarten schreiben und an verantwortliche Politiker oder Politikerinnen schicken wollen. Als Gastgeberin des wichtigen G20-Gipfels hätten sie am liebsten, dass die Kanzlerin selbst Schirmherrin ihres Anliegens wird. »De wonderen zijn de wereld nog niet uit …«< — »Es gibt immer noch Wunder in der Welt/em> sagt ein holländisches Sprichwort. Vielleicht ist es ja einfacher, dass die Einhörner zurückkommen, aber … wer weiß?

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Da waren schon Eltern und große Geschwister leise ins Hansehaus geschlichen und hatten sich an den immer noch reich gedeckten Kaffeetisch gesetzt und der Abschlusspräsentation gelauscht. Sie waren sehr beeindruckt, was im Lauf des Tages erarbeitet worden war. Die Bilderstrecke mit der Botschaft der Künstler_innen könnt Ihr Euch hier in Ruhe anschauen …

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Den ganzen Tag hat uns der junge Filmer Johann Schilling mit seiner Kamera begleitet. Er wird aus dem vielen Material, das er auf seine Festplatte gebannt hat, einen Film über die Mindener Zukunftswerkstatt der besonderen Geschwister schneiden. Wir sind sehr gespannt auf das Ergebnis!

Der Wunsch, sich bald wieder zu sehen, war bei allen groß. Am 25. Juni — ebenfalls im Hansehaus — findet im Anschluss an die nächste Etappe der ZukunftsWerkstatt die öffentliche Premiere des Films statt. Das wäre doch eine gute Gelegenheit? Save the date!! :-D

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